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Echos aus dem Äther – Der Fall LK0NOD
#24
Kapitel 24 – „Der Prototyp beginnt zu jagen“

Der Wald war schwarz wie flüssiger Teer. Der Regen hatte aufgehört, trotzdem hing die Luft schwer, feucht und elektrisch aufgeladen – als würde die Natur selbst auf einem fremden Signal lauschen. Unter ihren Schuhen knackten Zweige, doch Jaro hörte immer wieder etwas anderes, leiser, bedrohlicher:

Ein Impulssignal.
Drei Töne.
Immer näher.

„Lauf weiter!“, flüsterte sein Onkel, der neben ihm durch das Unterholz hastete. Jaro spürte seine Beine brennen, sein Atem ging stoßweise. Hinter ihnen knirschte Metall auf Metall – die Tür des Bunkers war endgültig gebrochen.

Dann:

KRRRRT.
Ein Geräusch wie eine zerrissene Frequenz.
Oder wie ein Körper, der sich gegen die Physik bewegte.

„Er… er folgt uns über den Pfad?“, keuchte Jaro.

Der Onkel schüttelte den Kopf.
„Nein. Er braucht keinen Pfad. Er trianguliert dich.“

Jaros Magen krampfte sich zusammen.
„Trianguliert… mich!?“

„Du bist sein Ziel. Du bist der Schlüssel. Eigentlich war es dein Vater. Aber nachdem… nachdem er verschwand, haben sie die Signatur nie wieder vollständig gefunden. Bis jetzt.“

Ein greller Blitz durchzog den Himmel – aber kein Donner folgte.
Es war kein Wetterleuchten.

Jaro erkannte es sofort:
Es war eine Emission. Eine gerichtete Emission.
Und sie kam vom Prototyp.

Der Wald wurde für einen Sekundenbruchteil in elektrisches Weiß getaucht. Schatten sprangen wie lebendig zwischen den Bäumen hin und her.

Der Onkel packte Jaro am Arm.
„Hier lang!“

Sie stürzten eine Böschung hinunter, rutschten im Schlamm, polterten über Wurzeln. Jaro schlug hart auf, aber er hielt sich auf den Beinen.

Oben, an der Böschungskante, erschien eine Silhouette.
Der Prototyp.

Er stand reglos da.
Nur die Antenne an seiner Schulter vibrierte, aber diesmal im Rhythmus von Jaros Herzschlag – oder der Projektion davon. Das Signal und der Mensch verschmolzen.

Dann hörte der Wald eine Stimme, die nicht gesprochen, sondern gesendet wurde:

„Jaro…
du trägst die letzte kompatible Struktur.
Du wirst mich vervollständigen.“

Die Worte hallten nicht durch die Bäume – sie hallten in ihm.
Direkt in seinem Kopf.

Jaro stolperte zurück.
„Er… er sendet in meinen Kopf!?“

Der Onkel nickte.
„Er nutzt das Ghost-Layer-Protokoll. Eine Mischung aus Niederfrequenz-Modulation und Resonanzmustern. Und du… du bist darauf kalibriert, seit du geboren wurdest.“

Ein kalter Schock durchzog Jaro.
„Mein Vater…?“

„Ja.“
Der Onkel sah ihn an.
„Er hat dich vor dem Projekt schützen wollen. Aber du bist trotzdem Teil der Matrix geworden. Durch den Kontakt. Die Geräte. Die Experimente. Alles, was du nie wissen solltest.“

Der Prototyp bewegte sich.

Nicht laufend.
Gleitend, in Sprüngen – als würde er von einem Frequenzknoten zum nächsten springen.

„Wir müssen ihn in ein totes Feld locken“, sagte der Onkel. „Einen Bereich ohne Leitungen, ohne Metall, ohne Reflektoren. Dort verliert er seine Verstärkung.“

Jaro rappelte sich hoch.
„Und wo soll das sein!?“

Der Onkel zeigte nach vorne, in die Dunkelheit.

„Der alte Funkturm. 300 Meter nordöstlich. Seit Jahren stillgelegt. Keine Spannung. Keine Geräte. Und er steht in einem geologischen Senkloch – die perfekte Dämpfungszone. Wenn wir es in sein Herz schaffen… haben wir vielleicht eine Chance.“

Vielleicht.
Ein Wort wie eine kalte Hand im Nacken.

Der Prototyp antwortete mit einem Impuls, als hätte er jedes ihrer Worte gehört:

BIIP—BIIP—BIIP

Doch diesmal mischte sich ein weiteres Geräusch darunter.

Ein Echo.
Ein metallisches Schaben.
Und etwas, das sich wie eine zweite Stimme anfühlte – tief unten im Signal.

„Ihr seid nicht die Einzigen, die seit Jahrzehnten warten.“

Der Onkel erstarrte.

Jaro erstarrte.

Denn diese Stimme klang…

…wie sein Vater.

Der Onkel packte Jaro fester.
„Los jetzt! Lauf! Das ist kein Echo – das ist ein Fragment! Wenn er das vollständig rekonstruiert, ist alles vorbei!“

Sie rannten.
Wieder das Unterholz.
Wieder das Knacken.
Und wieder der Prototyp, der in kurzen, unheimlichen, fast teleportierenden Intervallen näherkam.

Als sie die Senke erreichten, sah Jaro den Umriss des alten, rostigen Funkturms.
Groß. Majestätisch. Tot.
Und perfekt.

Doch am Fuß des Turms sahen sie etwas, womit keiner von beiden gerechnet hatte:

Ein zweites Signalgerät.
Ein alter, improvisierter Funkkoffer.
Geöffnet. Aktiv.
Mit einer Frequenzanzeige, die eindeutig nicht von ihnen stammte.

Der Onkel schnappte nach Luft.

„NEIN. Das ist unmöglich. Niemand außer mir wusste von der Senke. NIEMAND.“

Jaro spürte das Störfeld hinter ihnen – der Prototyp war fast da.

Aber dann hörte er hinter dem Funkkoffer ein Geräusch.

Jemand stand dort.
Jemand, der auf sie wartete.

Eine Silhouette.
Humanoid.
Lebendig.
Und als sie in das fahle Mondlicht trat, erkannte Jaro das Gesicht.

Und sein Herz stockte.

Es war seine Mutter.
Lebend.
Unverändert.
Und mit einem Funkgerät in der Hand, das dieselbe Frequenz wie der Prototyp sendete.

Fortsetzung folgt…
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RE: Echos aus dem Äther – Der Fall LK0NOD - von DQB906 - 12.12.2025, 07:09

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