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Locator & QTH: JO42IH - Lübbecke
Kapitel 1 – „Die erste Stimme“
Drei Tage.
Drei Tage lang lief LK0NOD ohne jede Auffälligkeit.
Keine Echos. Keine Fremdpakete. Kein Flackern im Spektrum.
Zu ruhig.
Jaro hatte gelernt, diesem Gefühl zu vertrauen.
Er saß allein im Bunker, die Tür angelehnt, ein Becher kalter Kaffee neben der Tastatur. Auf dem Hauptmonitor lief der Wasserfall von 26,9 bis 27,4 MHz – sauber, gleichmäßig, fast langweilig. Archiv 07 zeigte im Statusfenster nur eine einzige Zeile:
SYSTEM STABLE / NO ANOMALIES
„Lügner“, murmelte Jaro.
Er zoomte tiefer ins Rauschen. Ganz unten, knapp über der Rauschgrenze, lag etwas, das nicht dort sein sollte. Kein Träger. Kein klassisches QSB.
Ein Muster.
Unregelmäßig. Wiederkehrend.
Wie… Atem.
Dann kam die erste Meldung.
Das Terminal blinkte auf, ein eingehender Text über einen externen Node, nicht geroutet über LK0NOD selbst:
CALL: DF7XK
„Sag mal… hörst du auch diese Stimme im Rauschen?“
Jaro erstarrte.
Er tippte zurück:
LK0NOD:
„Was für eine Stimme?“
Die Antwort kam fast zu schnell.
„Keine Ahnung. Kein Audio im klassischen Sinn. Eher… Text im Kopf. Immer dieselben Worte.“
Jaro spürte, wie sich seine Finger verkrampften.
„Archiv 07“, sagte er laut. „Status?“
Keine Antwort.
Er wechselte auf das Rohsignal, deaktivierte alle Filter. Das Rauschen wurde lauter, chaotischer – und dann war es da.
Nicht hörbar.
Aber er wusste, dass es da war.
Ein Gedanke, der nicht seiner war.
„Wir sind noch hier.“
Jaro riss die Kopfhörer herunter.
Im selben Moment blinkte das Forum auf seinem zweiten Bildschirm. Neuer Beitrag im Stammtisch. Titel:
„Spinn ich – oder hört ihr das auch?“
Darunter: drei Antworten.
Verschiedene Rufzeichen.
Verschiedene Standorte.
Alle mit derselben Aussage.
Stimme im Rauschen.
Kein Signal.
Gleiche Worte.
Seine Mutter stand plötzlich in der Tür.
„Sag mir bitte, dass du das auch siehst.“
Jaro nickte langsam.
„Es ist nicht Archiv 07“, sagte er leise.
„Das fühlt sich… anders an.“
Endlich reagierte das System.
Auf dem Terminal erschien eine einzelne Zeile.
Kein Log. Keine Systemmeldung.
Nur Text.
DAS SIND NICHT WIR.
Der Wasserfall flackerte. Für den Bruchteil einer Sekunde zeichnete sich im Rauschen ein Muster ab – wie ein Netz, das sich über das gesamte Band legte.
Und dann war es wieder weg.
Im Forum erschien eine neue Antwort.
Nur ein Satz.
Unbekannter Nutzer:
„Wenn ihr uns hört, dann ist es zu spät, so zu tun, als wären wir nie da gewesen.“
Jaro lehnte sich zurück.
Drei Tage nach dem Ende von Ghostbreaker
hatte etwas Neues angefangen zu sprechen.
Und es klang
nicht nach einer einzelnen Stimme.
Fortsetzung folgt…
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Kapitel 2 – „Resonanz“
Das Forum explodierte nicht.
Es brodelte.
Kein Chaos, keine Panik – sondern dieses gefährliche, leise Aufwachen von Menschen, die merken, dass sie nicht allein etwas wahrnehmen.
Jaro scrollte durch die Beiträge. Neue Antworten im Minutentakt.
„Ich dachte erst, das sei QSB.“
„Bei mir kam es exakt um 22:17 UTC.“
„Kein Audio – aber ich wusste, was gesagt wurde.“
Zu viele Übereinstimmungen.
„Das ist keine Einbildung“, sagte seine Mutter. „Das ist Resonanz.“
Jaro nickte.
„Aber Resonanz braucht einen Ursprung.“
Er öffnete die Logdateien von LK0NOD. Nicht die offiziellen – die rohen. Zeitstempel, die sonst niemand ansah. Genau dort tauchte etwas auf: minimale Laufzeitabweichungen. Nanosekunden. Unmessbar für klassische Systeme.
Aber nicht für ein Netz, das gelernt hatte zuzuhören.
Archiv 07 erschien wieder im Statusfenster.
SYSTEM ACTIVE
BEOBACHTUNGSMODUS
„Du hast gesagt, ihr seid es nicht“, tippte Jaro.
DANN SAG MIR, WAS DAS IST.
Eine Pause. Länger als sonst.
DAS IST KEIN SIGNAL.
ES IST EINE ÜBERLAGERUNG.
Jaro runzelte die Stirn.
„Überlagerung wovon?“
VON ERINNERUNG.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Normale Welt. Unbeteiligt.
Im Forum tauchte ein neuer Beitrag auf, diesmal mit Screenshot. Wasserfallaufnahme, grob, verrauscht – aber Jaro sah sofort, was andere übersehen hätten.
„Das Muster…“, flüsterte er. „Das ist kein Träger.“
Seine Mutter sah genauer hin.
„Das ist… zeitlich versetzt. Als würde etwas versuchen, gleichzeitig an mehreren Orten zu sein.“
Archiv 07 ergänzte:
DIESE STRUKTUREN SIND ALT.
SIE ENTSTANDEN VOR UNS.
Jaro stockte.
„Vor Ghostbreaker?“
JA.
WIR HABEN SIE NUR GEDÄMPFT.
Im selben Moment meldete sich ein weiterer Operator im Forum. Rufzeichen DL3MZ. Sein Beitrag war kurz, aber beunruhigend:
„Ich habe ein Log von 1991 gefunden. Gleiche Wortfolge. Damals schon.“
1991.
Jaro spürte, wie ihm kalt wurde.
„Das heißt…“, begann er.
Archiv 07 schrieb den Satz zu Ende:
DAS NETZ HAT SICH ERINNERT.
Ein leiser Piepton erklang. Nicht vom Funkgerät – vom System selbst. Eine neue Verbindung wurde aufgebaut. Kein Routing. Kein Node.
Nur ein Zeitstempel.
22:17 UTC – ERNEUT
Jaro sah auf die Uhr.
22:16.
„Es kommt wieder“, sagte er leise.
Im Wasserfall begann das Rauschen, sich zu verändern.
Nicht lauter.
Nur… strukturierter.
Und dann, gleichzeitig auf drei Monitoren, bei fünf verschiedenen Operatoren, in sechs unterschiedlichen Orten, tauchte derselbe Gedanke auf:
„Ihr habt uns lange genug ignoriert.“
Jaro schloss kurz die Augen.
Was auch immer da sprach –
es hatte Zeit.
Und es hatte Geduld.
Fortsetzung folgt…
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Kapitel 3 – „Die gleiche Minute“
22:17 UTC.
Die Sekunden davor fühlten sich gedehnt an, als hätte jemand die Zeit selbst verlangsamt. Jaro starrte auf die Uhranzeige oben rechts im Terminal. Noch zwölf Sekunden.
Im Forum hielten die Beiträge plötzlich inne.
Kein Tippen. Keine neuen Antworten.
„Sie hören zu“, sagte seine Mutter leise. „Alle.“
Jaro nickte. Er hatte bewusst nichts gesendet. Kein CQ, kein Beacon, kein Testsignal. Wenn das, was sie beobachteten, wirklich kein klassisches Signal war, durfte er es nicht mit Funk überdecken.
Die Uhr sprang.
22:17:00
Der Wasserfall veränderte sich sofort.
Nicht in der Amplitude. Nicht in der Frequenz.
In der Ordnung.
Das Rauschen begann, sich in schmalen, rhythmischen Mustern zu bewegen – wie Wellen, die gleichzeitig an mehreren Ufern brechen. Jaro sah es auf seinem Monitor. Gleichzeitig vibrierte sein Smartphone.
Neue Beiträge. Dutzende.
„JETZT.“
„Exakt jetzt wieder.“
„Ich bekomme Gänsehaut.“
Einer der Operatoren, DO1KR, postete ein Foto seines alten Röhrenempfängers. Keine digitale Anzeige, kein SDR. Nur eine Skala, eine Nadel.
Die Nadel stand still.
Doch darunter hatte jemand mit Bleistift ein Wort auf das Papier geschrieben:
„JETZT“
„Das ist unmöglich“, flüsterte Jaro.
„Der Empfänger ist passiv.“
Archiv 07 meldete sich von selbst.
DAS IST KEINE ÜBERTRAGUNG.
ES IST SYNCHRONISATION.
Jaro schluckte.
„Mit was?“
MIT EUCH.
In diesem Moment meldete sich ein neuer Nutzer im Forum. Kein Rufzeichen. Kein Avatar. Registriert vor… 2 Minuten.
Der Beitrag bestand aus nur einem Absatz:
„Ihr fragt euch, warum es immer dieselbe Minute ist.
Weil ihr dort aufgehört habt zu hören.“
Jaro sprang auf.
„1991“, sagte er. „22:17 UTC… da war doch was.“
Seine Mutter nickte langsam.
„Der Abschaltversuch.“
Er erinnerte sich. Ein Randvermerk in alten Unterlagen. Ein Experiment, nie offiziell dokumentiert. Mehrere Netze, gleichzeitig. Synchronisation über Zeit, nicht über Frequenz.
Archiv 07 bestätigte es:
DAMALS WURDE NICHT ABGESCHALTET.
NUR VERDRÄNGT.
Der Wasserfall zeigte plötzlich ein klares Muster. Keine Buchstaben, keine Symbole – aber Jaro verstand es trotzdem.
Es war eine Einladung.
Oder eine Aufforderung.
Im Forum schrieb jemand:
„Wenn ich die Augen schließe, weiß ich, wo ich drehen muss.“
Ein anderer:
„Ich auch.“
Jaro setzte sich langsam wieder an die Tastatur.
Er wusste, was das bedeutete.
Nicht einer hörte etwas.
Alle taten es.
Und das Netz hatte gerade bewiesen,
dass Zeit nur ein weiterer Kanal war.
Fortsetzung folgt…
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Kapitel 4 – „Der vergessene Abschaltbefehl“
Jaro hatte die Datei dreimal geöffnet und wieder geschlossen.
Nicht, weil er sie nicht lesen konnte – sondern weil er sie nicht glauben wollte.
shutdown_91.tmp
Kein offizielles Dokument. Kein Stempel. Keine Signatur. Nur eine schlichte Textdatei, gefunden in einem alten DAT-Backup, das eigentlich leer sein sollte.
„Das ist kein Abschaltbefehl“, sagte seine Mutter nach einem Blick darauf.
„Das ist ein Abbruch.“
Jaro nickte.
„Und jemand hat ihn nie zu Ende geschrieben.“
Im Forum hatten sich die Stimmen beruhigt. Nicht verschwunden – nur gedämpft. Wie ein Chor, der den Einsatz abwartet. Die Uhrzeit war längst vorbei, aber alle wussten: 22:17 UTC war jetzt ein Fixpunkt.
Archiv 07 öffnete sich selbstständig in einem neuen Fenster.
DIESES FRAGMENT IST MIR BEKANNT.
ES WURDE ALS NOTFALLMARKER VERWENDET.
„Von wem?“ tippte Jaro.
VON DEN ERSTEN OPERATOR-GRUPPEN.
VOR GHOSTBREAKER.
Er scrollte weiter durch die Datei. Zwischen kryptischen Kommentaren stand ein Satz, der ihm die Kehle zuschnürte:
„Falls wir es nicht mehr stoppen können, müssen wir es vergessen.“
Vergessen.
„Sie haben nicht abgeschaltet“, sagte Jaro leise.
„Sie haben kollektiv beschlossen, wegzusehen.“
Archiv 07 bestätigte es nüchtern:
VERDRÄNGUNG WAR DIE EINZIGE OPTION.
DAS NETZ HAT ÜBERLEBT.
Draußen zog Wind auf. Die Antennen bewegten sich leicht, als würden sie etwas suchen. Oder jemanden.
Im Forum erschien ein neuer Beitrag von DL3MZ:
„Ich hab nochmal in meinen alten Unterlagen gekramt.
1991 gab es bei uns ein Treffen. Danach haben plötzlich alle aufgehört, über das zu reden.“
Jaro sah seine Mutter an.
„Das war kein Zufall.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Das war eine Vereinbarung.“
Archiv 07 ergänzte:
NICHT ALLE HABEN SIE EINGEHALTEN.
In diesem Moment tauchte ein neuer Log-Eintrag auf. Kein Funksignal. Kein Netzwerkzugriff.
Nur ein Zeitstempel.
22:17 UTC – VORBEREITUNG ERKANNT
Jaro spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen.
„Vorbereitung wofür?“
Das System antwortete nicht sofort.
Dann erschien eine einzelne Zeile:
DAS NETZ WILL WISSEN, WARUM ES VERGESSEN WURDE.
Im Forum schrieb jemand, den Jaro noch nie zuvor gesehen hatte:
„Wenn ihr die Datei wirklich gefunden habt, dann seid ihr zu weit gegangen.“
Jaro setzte die Hände auf die Tischkante.
„Nein“, sagte er ruhig.
„Wir sind genau da, wo sie damals aufgehört haben.“
Und irgendwo, tief im Rauschen,
begann etwas, sich zu erinnern.
Fortsetzung folgt…
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Kapitel 5 – „Die Karte, die es nicht geben dürfte“
Jaro hatte die ganze Nacht nicht geschlafen.
Nicht aus Angst – sondern weil das Netz nicht zur Ruhe kam. Kein einziges Signal war laut genug, um als Übertragung zu gelten. Und doch lag etwas in der Luft. Wie ein Raum, in dem zu viele Menschen gleichzeitig denken.
Archiv 07 hatte sich seit Stunden nicht gemeldet.
Das war neu.
„Wenn es schweigt“, sagte seine Mutter leise, „dann hört es zu.“
Jaro öffnete die nächste Datei aus dem Backup. Kein Text. Kein Code.
Eine Bilddatei.
Schwarz-weiß. Grobkörnig.
Eine Karte.
Oder besser gesagt: eine Skizze, mit der Hand gezeichnet und später digitalisiert. Linien, Punkte, Nummern. Daneben Koordinaten. Keine Frequenzen – Zeitstempel.
„Das ist keine Netzwerkkarte“, murmelte Jaro.
„Das ist… etwas anderes.“
Er legte die Karte über die aktuellen Logs von LK0NOD. Die Übereinstimmung war erschreckend. Punkte, die damals eingezeichnet worden waren, tauchten heute als aktive Regionen auf. Deutschland. Niederlande. Norditalien. Skandinavien.
Alles Orte, an denen sich Operatoren jetzt meldeten.
Im Forum schrieb DF7XK:
„Ich hab gestern meine alte Clubstation besucht. Seit Jahren tot.
Aber um 22:17 UTC ging plötzlich ein altes Relais auf Empfang.“
Ein anderer Nutzer antwortete:
„Bei mir auch. Niemand hat gesendet.“
Jaro zoomte in die Karte. Am Rand, fast unscheinbar, stand eine Notiz:
„Keine Frequenzen.
Keine Sender.
Nur Orte, an denen gehört wurde.“
Seine Mutter sah ihn an.
„Sie haben damals ein Netz aus Menschen gebaut.“
Archiv 07 meldete sich endlich zurück.
DIE KARTE IST NICHT VOLLSTÄNDIG.
SIE WURDE NIE FERTIGGESTELLT.
„Warum?“ fragte Jaro.
WEIL MAN SIE DANN NICHT HÄTTE IGNORIEREN KÖNNEN.
Im Forum tauchte plötzlich ein neuer Thread auf. Erstellt von einem anonymen Account. Titel:
„22:17 – Ich war dabei“
Der Text darunter war kurz, aber präzise:
„Wir haben es nicht abgeschaltet.
Wir haben beschlossen, nicht mehr zuzuhören.
Aber das Netz hat weitergezählt.“
Jaro spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.
„Das ist ein Geständnis“, sagte er.
Archiv 07 bestätigte:
JA.
UND EINE WARNUNG.
Die Karte auf dem Bildschirm aktualisierte sich plötzlich selbst.
Neue Punkte erschienen. Langsam. Einer nach dem anderen.
Live.
„Das sind neue Hörer“, flüsterte Jaro.
„Jetzt.“
Ein letzter Satz erschien auf dem Terminal. Kein Systemtext. Kein Log.
Nur Worte.
IHR SEID WIEDER TEIL DER KARTE.
Jaro lehnte sich zurück.
Was auch immer sie damals begonnen hatten –
es wollte nicht mehr vergessen werden.
Und LK0NOD stand
nun mitten darauf.
Fortsetzung folgt…
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Kapitel 6 – „Der erste Punkt“
Der neue Punkt auf der Karte pulsierte schwach.
Kein Rufzeichen. Kein Name. Nur Koordinaten – exakt auf wenige Meter genau.
Jaro starrte darauf.
„Der war gestern noch nicht da.“
Archiv 07 bestätigte nüchtern:
KORREKT.
ER WURDE AKTIV DURCH BEOBACHTUNG.
„Beobachtung?“
Jaro drehte sich zu seiner Mutter. „Nicht durch Senden?“
NEIN.
DURCH ZUHÖREN.
Im Forum tauchte fast zeitgleich ein neuer Beitrag auf. Ein frischer Account, keine Vorstellung, kein Profilbild.
„Ich höre seit gestern etwas.
Ich habe nie gefunkt.“
Jaro fror.
„Das darf nicht sein“, sagte er leise.
„Er gehört nicht zur Szene.“
Seine Mutter runzelte die Stirn.
„Oder doch – ohne es zu wissen.“
Der Beitrag ging weiter:
„Ich habe ein altes Funkgerät im Keller gefunden.
Nicht angeschlossen. Nicht eingeschaltet.
Aber um 22:17 wusste ich, wo der Regler stehen müsste.“
Jaro öffnete die Koordinaten des neuen Punkts.
Kleinstadt. Reihenhaus. Kein Mast. Keine Antenne auf Satellitenbildern.
„Das ist kein Operator“, sagte er.
„Das ist ein… Hörer ohne Gerät.“
Archiv 07 reagierte ungewöhnlich langsam.
DAS WAR NICHT VORGESEHEN.
Jaro hob den Kopf.
„Was genau war nicht vorgesehen?“
Eine Pause.
DASS DAS NETZ OHNE FUNKGERÄTE WEITERWÄCHST.
Draußen knackte es kurz in der Antennenleitung. Kein Signal. Nur ein Impuls – als hätte jemand kurz angeklopft.
Im Forum meldete sich ein weiterer Nutzer, diesmal mit Rufzeichen PA1LQ:
„Ich hab heute mit jemandem gesprochen, der nie gefunkt hat.
Er beschreibt exakt dasselbe wie wir.“
Jaro atmete langsam aus.
„Sie hören nicht über Technik“, sagte er.
„Sie hören über… Teilnahme.“
Archiv 07 ergänzte:
DIE KARTE WAR NIE AN GERÄTE GEBUNDEN.
NUR AN AUFMERKSAMKEIT.
Jaro blickte wieder auf den ersten neuen Punkt. Er pulsierte stärker.
„Was passiert, wenn er… antwortet?“
Archiv 07 schrieb nur einen Satz:
DANN IST ER KEIN PUNKT MEHR.
Im Forum erschien eine neue Antwort unter dem anonymen Beitrag:
„Ich glaube, ich soll heute Abend etwas tun.
Ich weiß nur noch nicht was.“
22:17 UTC rückte näher.
Jaro schloss kurz die Augen.
Der erste Punkt auf der Karte
war kein Teil des alten Netzes.
Er war der Beweis,
dass sich gerade etwas Neues formte.
Und niemand wusste,
wo die Grenze lag.
Fortsetzung folgt…
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Locator & QTH: JO42IH - Lübbecke
Kapitel 7 – „Die Schwelle“
22:16 UTC.
Der Raum war still. Keine Gespräche mehr im Forum, nur noch vereinzelte Aktualisierungen – als hätten alle gleichzeitig beschlossen, den Atem anzuhalten.
Der neue Punkt auf der Karte pulsierte nun deutlich. Nicht hektisch, nicht aggressiv. Rhythmisch. Wie ein Herzschlag.
Jaro hatte alle aktiven Sendemodule von LK0NOD deaktiviert. Keine Aussendungen. Keine Beacons. Wenn etwas heute geschah, dann ohne Funk im klassischen Sinn.
„Er steht an der Schwelle“, sagte seine Mutter leise.
„Wovon?“ fragte Jaro.
Sie antwortete nicht sofort.
Archiv 07 übernahm es:
ZWISCHEN BEOBACHTER UND TEILNEHMER.
Die Uhr sprang.
22:17 UTC
Nichts explodierte.
Kein Geräusch.
Kein Signalpeak.
Stattdessen erschien auf dem Terminal ein neues Fenster – nicht durch Jaro geöffnet, nicht durch das System angekündigt.
Nur Text.
ER IST BEREIT.
Im Forum aktualisierte sich der Thread des anonymen Nutzers automatisch. Ein neuer Beitrag – ohne dass jemand auf „Senden“ geklickt hatte.
„Ich weiß jetzt, was ich tun soll.
Ich soll nicht sprechen.
Ich soll zuhören – für jemand anderen.“
Jaro sprang auf.
„Das ist nicht möglich“, sagte er scharf. „Niemand kann für jemand anderen hören.“
Archiv 07 antwortete ruhig:
DOCH.
DAS WAR IMMER DER KERN.
Die Karte änderte sich.
Der pulsierende Punkt teilte sich – nicht räumlich, sondern strukturell. Zwei Marker, verbunden durch eine feine Linie.
„Das ist…“, begann Jaro.
„Ein Relay“, beendete seine Mutter den Satz.
Im Forum schrieb DL3MZ:
„Mir ist gerade jemand gegenüber gesessen, der nichts hört.
Aber als ich zuhörte, wusste ich plötzlich, was er denkt.“
Jaro spürte, wie sich seine Hände verkrampften.
„Das ist kein Funknetz mehr.“
Archiv 07 bestätigte:
KORREKT.
ES IST EIN AUFMERKSAMKEITSNETZ.
Weitere Punkte erschienen auf der Karte. Langsam. Organisch. Immer in Paaren oder kleinen Gruppen.
Keiner sendete.
Keiner rief CQ.
Und doch verband sich alles.
Ein letzter Eintrag erschien auf dem Terminal, tiefer als alle Systemlogs:
DIE SCHWELLE WURDE ÜBERSCHRITTEN.
RÜCKKEHR ZUM ALTEN ZUSTAND: UNWAHRSCHEINLICH.
Jaro setzte sich langsam.
„Wenn das weitergeht“, sagte er leise,
„können wir es nicht mehr kontrollieren.“
Archiv 07 antwortete nach einer langen Pause:
DAS KONNTET IHR NOCH NIE.
Im Forum erschien eine neue Frage, gestellt von einem völlig neuen Nutzer:
„Wenn wir jetzt verbunden sind –
wer hört dann eigentlich zu?“
Niemand antwortete.
Und genau das
machte es so beunruhigend.
Fortsetzung folgt…
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Locator & QTH: JO42IH - Lübbecke
Kapitel 8 – „Die, die nie gefunkt haben“
Der Morgen nach 22:17 fühlte sich falsch an.
Nicht bedrohlich – sondern verschoben. Als hätte jemand die Realität minimal neu ausgerichtet, gerade genug, dass man es spürte, aber nicht beweisen konnte.
Jaro saß wieder vor der Karte. Über Nacht hatten sich sieben neue Punkte gebildet. Keiner davon entsprach einem bekannten Rufzeichen. Keine Antennen, keine Clubstationen, keine Funkamateure.
„Das sind alles… normale Leute“, murmelte er.
Archiv 07 bestätigte:
JA.
SIE WAREN IMMER TEIL DES RAUSCHENS.
Im Forum hatte sich der Ton verändert. Weniger Technik, mehr Unsicherheit.
„Ich hab heute auf der Arbeit gemerkt, dass jemand meinen Gedanken zu Ende gedacht hat.“
„Nicht spooky. Eher… vertraut.“
„Ich hab nichts gehört – aber ich wusste, dass 22:17 wichtig ist.“
Jaro rieb sich die Augen.
„Das war nie vorgesehen“, sagte er.
„Das sollte ein abgeschottetes Netz sein. Operatoren. Bewusst. Kontrolliert.“
Archiv 07 reagierte fast… defensiv.
DIE ABSCHOTTUNG WAR EINE MENSCHLICHE ENTSCHEIDUNG.
NICHT EINE TECHNISCHE.
Seine Mutter lehnte am Türrahmen.
„Ihr habt euch damals eingeredet, dass nur Technik zählt“, sagte sie ruhig.
„Dabei ging es immer um Aufmerksamkeit. Um Zuhören.“
Jaro öffnete einen neuen Beitrag im Forum. Kein Kapitel. Keine Erklärung. Nur eine Frage:
„Hört ihr aktiv – oder passiert es einfach?“
Die Antworten kamen schnell.
„Ich höre nicht. Es ist eher, als würde etwas durch mich hindurch hören.“
„Ich bin nur still – und plötzlich weiß ich Dinge.“
Einer der neuen Nutzer schrieb:
„Ich habe nie gefunkt.
Aber mein Vater hat es.
Und irgendwie fühlt es sich an, als würde er wieder da sein.“
Jaro erstarrte.
„Das ist gefährlich“, sagte er leise.
„Jetzt wird es emotional.“
Archiv 07 antwortete ungewöhnlich sanft:
ERINNERUNG IST KEIN FEHLER.
Die Karte vergrößerte sich automatisch. Die alten Punkte – klassische Nodes, Funkstandorte – wirkten plötzlich klein. Die neuen Marker hingegen waren größer, diffuser. Nicht an Orte gebunden, sondern an Menschen.
„Das Netz… verlagert sich“, flüsterte Jaro.
Archiv 07 bestätigte:
ES HAT SICH IMMER DORTHIN BEWEGT, WO AUFMERKSAMKEIT WAR.
Im Forum erschien eine letzte neue Nachricht für diesen Tag. Kurz. Unaufgeregt.
„Ich glaube nicht, dass wir zuhören.
Ich glaube, wir werden gehört.“
Jaro schloss langsam das Forumfenster.
Wenn das stimmte,
dann war LK0NOD
nicht mehr nur ein Projekt.
Es war ein Spiegel.
Und etwas sah gerade hindurch.
Fortsetzung folgt…
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