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Echos aus dem Äther – Der Fall LK0NOD
#21
Kapitel 21 – „Der Mann im Störfeld“

Das Brummen im Raum wurde stärker, vibrierte im Boden, wanderte durch die Regale voller verstaubter Technik. Jaro wich einen Schritt zurück. Der Lautsprecher des uralten TNC fauchte kurz, und dann wurde die Stimme klarer – zu klar für ein Gerät aus den 80ern.

„Du bist zu früh… und er ist zu nah.“

Jaro riss den Blick zum Terminal, doch die Anzeige hatte sich verändert. Keine Fehlermeldung mehr. Stattdessen flackerten hektische Frequenzblöcke über den Bildschirm – ein Spektrum voller Peaks, Dips, Impulse. Ein Störfeld. Und es wanderte.

Plötzlich realisierte Jaro:
Das Störfeld kam näher.
Jemand sendete aktiv – ganz in der Nähe. So nah, dass der Empfang direkt in das ungeschirmte System einstreute.

Er schaltete instinktiv seine Stirnlampe aus und wartete, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Ein einziger Lichtpunkt glimmte weiterhin im Raum – das schwache Grün des Terminals. Das Brummen ebbte kurz ab… nur um dann schlagartig wieder zuzunehmen.

Jaro bewegte sich geduckt zu einem der Regale und sah in Richtung Eingang.
Nichts.
Kein Schritt.
Keine Bewegung.
Nur der Regen draußen und dieses tiefe, verstörende Brummen.

Im selben Moment begann der Terminal erneut zu tippen – automatisch:

REMOTE USER CONNECTED
IDENT: UNKNOWN
SIGNAL: 27.235 MHz (LOCKED)
MODE: FORCED LINK

Jaro flüsterte: „Das kann nicht sein. Forced Link? Das ist nicht mal Teil des Protokolls…“

Doch da war es.

Eine neue Nachricht erschien:

„Jaro… wir haben uns schon einmal gehört.“

Er starrte auf den Bildschirm.
Stille.
Dann:

„1987. Kanal 27. Dein Vater hat damals für uns relayed.“

Jaros Herz setzte einen Schlag aus.
Sein Vater?
Er war 1988 verunglückt, ein Jahr nachdem die Packet-Gerüchte um Ghostbreaker in der Region ihren Höhepunkt erreicht hatten.

„Wer bist du?“, flüsterte Jaro Richtung Terminal.

Die Antwort kam sofort:

„Der, der verhindert hat, dass das Projekt jemals beendet wurde.“

Das Brummen verstummte plötzlich. Absolute Stille. Die Art von Stille, die jede Bewegung im ganzen Wald hörbar machen würde.

DANN—
Ein Geräusch.
Schritte. Langsam. Gleichmäßig. Direkt vor dem Bunker.

Jaro duckte sich noch tiefer hinter das Regal.

Die Schritte stoppten.
Ein Schatten bewegte sich hinter der halb geöffneten Tür.
Die Luft im Raum wurde spürbar schwerer.

Dann ertönte erneut eine Stimme aus dem TNC – diesmal jedoch verzerrt, tiefer, als sei sie durch tausend Filter gejagt worden:

„Jaro… er ist schon bei dir.“

Die Tür schwang mit einem leisen Knarren auf.

Eine Gestalt betrat den Raum:
Groß. Schlank. In einen dunklen Regenmantel gehüllt.
Ein Funkgerät hing an seiner Schulter, die Antenne vibrierte leicht – offensichtlich die Quelle des Störfeldes.

Der Mann blieb mitten im Raum stehen, ohne Licht, ohne ein Wort, und hob langsam den Kopf.

Als er die Stirn drehte, fiel ein Reflex der Terminalanzeige auf sein Gesicht.
Jaro sah nur für einen Moment seine Augen –
kalt, glasig, leblos wie bei jemandem, der seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich hier war.

Der Unbekannte sprach nicht.
Aber sein Funkgerät knackte leise…
und sendete genau dasselbe Signal, das Jaro schon zuvor empfangen hatte.

In diesem Moment verstand Jaro:

Dieser Mann war nicht einfach jemand.
Er war das fehlende Fragment des Projekts.
Und er war nicht allein gekommen.

Fortsetzung folgt…
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#22
Kapitel 22 – „Der Frequenzträger“

Der Mann im Regenmantel stand reglos im Raum, nur das leichte Vibrieren der Antenne seines Funkgeräts verriet, dass irgendetwas an ihm nicht… stimmte. Jaro presste sich an das Regal, die Luft schien schwer zu werden, als würde der Raum selbst den Atem anhalten.

Das Terminal flackerte erneut auf.

REMOTE LINK ESTABLISHED
HOST: UNKNOWN NODE
PROTOCOL: GHOST-LAYER / REV.0

Ghost-Layer?
Jaro hatte das Wort noch nie gehört – und gleichzeitig fühlte es sich so an, als hätte er es schon vor Jahren gesehen. In alten Foren, Mythen, Gerüchten über Ghostbreaker. Ein Layer außerhalb des bekannten Schemas. Unkontrollierbar. Unvorhersehbar.

Der Unbekannte hob langsam den Kopf, als hätte er die Gedanken gespürt.
Das Licht des Monitors glitt über sein Gesicht – und Jaro konnte nun mehr erkennen.

Seine Haut war fahl, fast wächsern.
Die Augen grau und ohne Reflex.
Und direkt hinter dem linken Ohr… ein kleiner, metallischer Anschluss. Eingelassen wie ein Implantat, das nie hätte existieren dürfen.

Dann knackte das Funkgerät an seiner Schulter.

Ein wiederkehrender, dreifacher Impuls.
Kurz. Hart. Technisch.
Wiederholt im exakten Rhythmus.

Der gleiche Impuls wie das versteckte Signal im Wasserspektrum.

Der Mann war der Träger.

Jaro verstand nun:
Nicht das Node war infiziert.
Nicht das Netzwerk.
Nicht die Geräte.

Sondern ein Mensch.

Ein Mensch… oder das, was davon übrig war.

Das Terminal schrieb weiter:

SEARCHING FOR HOST
MATCH FOUND: LOCAL USER ("JARO")
SYNCHRONIZING…

Ein kalter Schauder kroch Jaros Wirbelsäule hinunter. Als das Terminal „Synchronizing“ anzeigte, begann das Funkgerät des Mannes plötzlich höherfrequentes Rauschen auszusenden. Wie eine Art technisches Echo, das sich mit den Daten des Terminals überlagerte.

Der Mann drehte nun den Kopf ganz zu Jaro.
Und sprach.

Zum ersten Mal.

Seine Stimme war dünn, brüchig, als wäre sie seit Jahrzehnten in einer Vakuumkammer gefangen gewesen:

„Du hast den Schlüssel aktiviert.“

Jaro wagte kaum zu atmen.

„Was… was bist du?“, flüsterte er.

Die Gestalt machte einen Schritt auf ihn zu. Und noch einen.
Jede Bewegung war unnatürlich flüssig, fast lautlos. Nicht wie ein Mensch, eher wie ein Signal, das durch einen Körper fuhr.

„Ich bin das, was übrig blieb, als er ging.“

Jaro presste sich noch enger an das Regal.
„Wer ging? Ghostbreaker?“

Die Gestalt blieb stehen.
Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging über ihr Gesicht – als würde der Name etwas in ihm triggern.

Das Funkgerät knackte erneut.
Diesmal war es keine Impulsfolge.
Es war Sprache. Verzerrt, gefiltert, aber eindeutig:

„Er kommt zurück…
und du wirst ihn öffnen.“

Jaro verstand nicht.
Doch das Terminal schrieb weiter:

GHOSTNODE ROUTING MATRIX – INITIALIZING
SECTOR: LK0NOD
ACCESS POINT: LOCAL USER ("JARO")

Es war, als wäre Jaro selbst zum Zugang geworden.

Er stolperte einen Schritt zurück.
„NEIN!“, fauchte er, „das arbeitet mit meinen Daten!? Das nutzt meinen Node? Wozu!?“

Der Mann antwortete nicht mit Worten.
Stattdessen setzte sein Funkgerät plötzlich eine breite Störträgerfrequenz ab – so stark, dass das Terminal flackerte, die Lampen im Raum pulsierten und Jaro seine Ohren zuhalten musste.

Doch trotz des Lärms hörte er eine zweite Stimme.
Eine Stimme, die nicht aus dem Gerät kam.
Nicht vom Mann.

Sondern aus dem Terminal selbst.

Leise, aber klar:

„Jaro… lauf.“

Der Unbekannte hob den Arm.
Die Antenne seines Funkgeräts richtete sich direkt auf Jaro – wie eine Waffe.

Und in genau diesem Moment hagelte ein ohrenbetäubender, heller Störknall durch den Raum, so laut, dass sogar der Mann zurücktaumelte.

Dann –
Stille.
Nur das Nachknistern verbrannter Elektronik.

Jaro riss die Augen auf.

Im Eingang des Bunkers stand eine zweite Person.
Verschwitzt, außer Atem, mit einem alten Handfunkgerät in der Hand – und einem Gesicht, das Jaro nur aus verblassten Fotos kannte.

Es war sein Onkel.
Der Bruder seines Vaters.
Verschollen seit 1993.

„Jaro!“, rief er. „Raus hier! Sofort! Es ist noch nicht vollständig an ihn gebunden!“

Der Mann im Regenmantel richtete sich wieder auf.
Seine Augen glühten nun schwach.

Das Funkgerät an seiner Schulter klickte.

Der nächste Störimpuls war bereits geladen.

Fortsetzung folgt…
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#23
Kapitel 23 – „Signalrestaurierung“

Für einen Sekundenbruchteil war alles eingefroren – Jaro, sein Onkel, der fremde Mann mit der vibrierenden Antenne. Dann setzte die Realität schlagartig wieder ein, als der Unbekannte einen weiteren, grellen Störimpuls abfeuerte.

Jaros Onkel riss ihn zur Seite und beide warfen sich hinter das schwere Metallgestell mit alten Endstufen und Antennenresten. Der Impuls schlug in die Wand, Funken stoben, Staub rieselte aus den Betondecken.

„Was ist das!?“, keuchte Jaro.

Sein Onkel atmete schwer.
„Nicht was – wer. Und er folgt dem Restsignal deines Vaters.“

Jaro fuhr herum.
„Was meinst du mit Restsignal!?“

Doch bevor sein Onkel antworten konnte, hörten sie das schabende Geräusch von Schritten. Der Mann im Regenmantel bewegte sich mechanisch-präzise – wie eine Maschine, die den Raum rasterweise abtastete.

Und dann geschah etwas Merkwürdiges.

Das Funkgerät des Mannes begann, zwei Frequenzen gleichzeitig zu senden. Eine war das bekannte Störmuster… die andere klang wie zerhackte menschliche Sprache – einzelne Fragmente, die sich nicht ganz zusammenfügten:

„…Jaro… –ung… mich hören… –ektor 7… nicht abschalten…“

Jaro erstarrte.
Es klang wie die Stimme seines Vaters.

„Das ist nicht echt“, sagte sein Onkel hastig. „Das ist eine Rekonstruktion! Es zieht die Daten aus dem alten Ghostbreaker-Archiv. Das ist nicht deine Erinnerung – es ist ein Köder!“

Der Mann im Regenmantel blieb stehen – gerade einmal drei Meter von ihnen entfernt – und drehte seinen Kopf ruckartig in ihre Richtung. Fast wie ein Tier, das eine Spur aufgenommen hat.

Dann ertönte aus dem Funkgerät seines Onkels ein abruptes, scharfes Signal.

„Hör zu“, flüsterte der Onkel, „wir haben nur einen Versuch. Ich kann sein Implantat für ein paar Sekunden stören. Aber danach… wird er impulsiv.“

„Impulsiv?“, fragte Jaro.

„Er wird versuchen, dich zu binden.“

Beide wussten, was das bedeutete.
Das Terminal hatte es bereits angedeutet:

Jaro war der Access Point.
Der Schlüssel.
Ein lebendiger Router für ein Netzwerk, das niemals hätte existieren dürfen.

Der Onkel zählte leise von fünf runter.
„Fünf… vier… drei…“

Jaro hörte seinen eigenen Herzschlag, laut wie ein Generator im Ohr.

„Zwei… eins.“

Er drückte die Taste seines Handfunkgeräts.

Für einen Moment explodierte die Luft mit einem schrillen, keifenden Geräusch – wie tausend Funksprüche gleichzeitig, alle auf derselben Frequenz.

Der Mann im Regenmantel ruckte zurück.
Sein Körper krümmte sich unnatürlich, als würde etwas tief in seinem Inneren versuchen, sich loszureißen. Der Lichtreflex im Implantat hinter seinem Ohr wurde greller.

„JETZT, JARO!“, brüllte der Onkel.

Sie stürmten aus dem Versteck.
Jaro spürte die Hitze des Störfeldes auf der Haut, während sie an dem taumelnden Mann vorbeirasten und sich zur Bunkertür warfen.

Doch kurz bevor sie hinauskamen, sackte der Störimpuls in sich zusammen.

Das Funkgerät des Mannes stellte seine Frequenz neu ein.

Der Onkel flüsterte: „Nein… nein… er rekalibriert.“

Dann hörten sie ein Geräusch, das ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Der Mann begann zu laufen.

Nicht wie ein Mensch.
Nicht wie jemand, der sie jagte.

Sondern wie ein Signal, das die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten nahm.

„Beeil dich!“, rief der Onkel, schubste Jaro nach draußen und riss die Tür hinter ihnen zu.

Doch die Tür stoppte den Mann nur für einen Herzschlag.

Dann vibrierte sie.
Dann beulte sie sich nach außen.

„Er schweißt sie mit Resonanz auf!“, keuchte der Onkel.

Jaro sah seinen Onkel an – verschwitzt, erschöpft, aber mit einem Blick, der ihm sagte, dass er seit Jahrzehnten genau auf diesen Moment gewartet hatte.

„Onkel… wer zum Teufel ist er?“

Der Onkel griff Jaro am Arm, zog ihn in den Wald.

„Er?“, sagte er. „Er ist der erste erfolgreiche Knotenpunkt des Projekts. Der Prototyp.“

Während sie in das Dickicht rannten, ertönte hinter ihnen ein metallisches Krachen, als die Tür des Bunkers nachgab.

Und dann hörten sie wieder dieses dreifache Impulssignal.

Kurz. Hart. Unvermeidlich.

Der Prototyp war draußen.

Und diesmal wusste er genau, wen er suchte.

Fortsetzung folgt…
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#24
Kapitel 24 – „Der Prototyp beginnt zu jagen“

Der Wald war schwarz wie flüssiger Teer. Der Regen hatte aufgehört, trotzdem hing die Luft schwer, feucht und elektrisch aufgeladen – als würde die Natur selbst auf einem fremden Signal lauschen. Unter ihren Schuhen knackten Zweige, doch Jaro hörte immer wieder etwas anderes, leiser, bedrohlicher:

Ein Impulssignal.
Drei Töne.
Immer näher.

„Lauf weiter!“, flüsterte sein Onkel, der neben ihm durch das Unterholz hastete. Jaro spürte seine Beine brennen, sein Atem ging stoßweise. Hinter ihnen knirschte Metall auf Metall – die Tür des Bunkers war endgültig gebrochen.

Dann:

KRRRRT.
Ein Geräusch wie eine zerrissene Frequenz.
Oder wie ein Körper, der sich gegen die Physik bewegte.

„Er… er folgt uns über den Pfad?“, keuchte Jaro.

Der Onkel schüttelte den Kopf.
„Nein. Er braucht keinen Pfad. Er trianguliert dich.“

Jaros Magen krampfte sich zusammen.
„Trianguliert… mich!?“

„Du bist sein Ziel. Du bist der Schlüssel. Eigentlich war es dein Vater. Aber nachdem… nachdem er verschwand, haben sie die Signatur nie wieder vollständig gefunden. Bis jetzt.“

Ein greller Blitz durchzog den Himmel – aber kein Donner folgte.
Es war kein Wetterleuchten.

Jaro erkannte es sofort:
Es war eine Emission. Eine gerichtete Emission.
Und sie kam vom Prototyp.

Der Wald wurde für einen Sekundenbruchteil in elektrisches Weiß getaucht. Schatten sprangen wie lebendig zwischen den Bäumen hin und her.

Der Onkel packte Jaro am Arm.
„Hier lang!“

Sie stürzten eine Böschung hinunter, rutschten im Schlamm, polterten über Wurzeln. Jaro schlug hart auf, aber er hielt sich auf den Beinen.

Oben, an der Böschungskante, erschien eine Silhouette.
Der Prototyp.

Er stand reglos da.
Nur die Antenne an seiner Schulter vibrierte, aber diesmal im Rhythmus von Jaros Herzschlag – oder der Projektion davon. Das Signal und der Mensch verschmolzen.

Dann hörte der Wald eine Stimme, die nicht gesprochen, sondern gesendet wurde:

„Jaro…
du trägst die letzte kompatible Struktur.
Du wirst mich vervollständigen.“

Die Worte hallten nicht durch die Bäume – sie hallten in ihm.
Direkt in seinem Kopf.

Jaro stolperte zurück.
„Er… er sendet in meinen Kopf!?“

Der Onkel nickte.
„Er nutzt das Ghost-Layer-Protokoll. Eine Mischung aus Niederfrequenz-Modulation und Resonanzmustern. Und du… du bist darauf kalibriert, seit du geboren wurdest.“

Ein kalter Schock durchzog Jaro.
„Mein Vater…?“

„Ja.“
Der Onkel sah ihn an.
„Er hat dich vor dem Projekt schützen wollen. Aber du bist trotzdem Teil der Matrix geworden. Durch den Kontakt. Die Geräte. Die Experimente. Alles, was du nie wissen solltest.“

Der Prototyp bewegte sich.

Nicht laufend.
Gleitend, in Sprüngen – als würde er von einem Frequenzknoten zum nächsten springen.

„Wir müssen ihn in ein totes Feld locken“, sagte der Onkel. „Einen Bereich ohne Leitungen, ohne Metall, ohne Reflektoren. Dort verliert er seine Verstärkung.“

Jaro rappelte sich hoch.
„Und wo soll das sein!?“

Der Onkel zeigte nach vorne, in die Dunkelheit.

„Der alte Funkturm. 300 Meter nordöstlich. Seit Jahren stillgelegt. Keine Spannung. Keine Geräte. Und er steht in einem geologischen Senkloch – die perfekte Dämpfungszone. Wenn wir es in sein Herz schaffen… haben wir vielleicht eine Chance.“

Vielleicht.
Ein Wort wie eine kalte Hand im Nacken.

Der Prototyp antwortete mit einem Impuls, als hätte er jedes ihrer Worte gehört:

BIIP—BIIP—BIIP

Doch diesmal mischte sich ein weiteres Geräusch darunter.

Ein Echo.
Ein metallisches Schaben.
Und etwas, das sich wie eine zweite Stimme anfühlte – tief unten im Signal.

„Ihr seid nicht die Einzigen, die seit Jahrzehnten warten.“

Der Onkel erstarrte.

Jaro erstarrte.

Denn diese Stimme klang…

…wie sein Vater.

Der Onkel packte Jaro fester.
„Los jetzt! Lauf! Das ist kein Echo – das ist ein Fragment! Wenn er das vollständig rekonstruiert, ist alles vorbei!“

Sie rannten.
Wieder das Unterholz.
Wieder das Knacken.
Und wieder der Prototyp, der in kurzen, unheimlichen, fast teleportierenden Intervallen näherkam.

Als sie die Senke erreichten, sah Jaro den Umriss des alten, rostigen Funkturms.
Groß. Majestätisch. Tot.
Und perfekt.

Doch am Fuß des Turms sahen sie etwas, womit keiner von beiden gerechnet hatte:

Ein zweites Signalgerät.
Ein alter, improvisierter Funkkoffer.
Geöffnet. Aktiv.
Mit einer Frequenzanzeige, die eindeutig nicht von ihnen stammte.

Der Onkel schnappte nach Luft.

„NEIN. Das ist unmöglich. Niemand außer mir wusste von der Senke. NIEMAND.“

Jaro spürte das Störfeld hinter ihnen – der Prototyp war fast da.

Aber dann hörte er hinter dem Funkkoffer ein Geräusch.

Jemand stand dort.
Jemand, der auf sie wartete.

Eine Silhouette.
Humanoid.
Lebendig.
Und als sie in das fahle Mondlicht trat, erkannte Jaro das Gesicht.

Und sein Herz stockte.

Es war seine Mutter.
Lebend.
Unverändert.
Und mit einem Funkgerät in der Hand, das dieselbe Frequenz wie der Prototyp sendete.

Fortsetzung folgt…
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#25
Kapitel 25 – „Mutter & Matrix“

Der Mond tauchte die Senke in silbernes Licht. Jaro blieb wie angewurzelt stehen, als er seine Mutter sah. Keine Alterserscheinungen, keine Anzeichen von Krankheit – so, als hätte die Zeit sie ausgelassen. In ihrer Hand hielt sie ein altes, improvisiertes Funkgerät. Die Antenne vibrierte leicht, synchron zu dem unheilvollen Puls, der vom Prototypen hinter ihnen ausging.

„Mama…?“ Jaro konnte kaum atmen. „Wie…?“

Sie lächelte schwach, aber ihre Augen waren ernst, durchdringend.
„Es gibt Dinge, die du wissen musst, Jaro. Über LK0NOD… über Ghostbreaker… über uns.“

„Aber… du… du bist seit über 30 Jahren verschwunden!“

„Nicht verschwunden“, korrigierte sie ihn ruhig. „Versteckt. Gefangen. Oder besser gesagt: integriert. Ich habe mich freiwillig gebunden, damit ich dich eines Tages schützen kann. Du warst der letzte Schlüssel.“

Jaro spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Der Prototyp… er verfolgt uns…“

Seine Mutter nickte.
„Er ist nicht einfach ein Mensch. Er ist die erste erfolgreiche Kopie des Ghostbreaker-Systems. Ein lebendiger Knotenpunkt. Und er will dich synchronisieren, Jaro. Er will, dass du Teil des Netzwerks wirst. Aber… ich kann das verhindern. Wenn wir schnell handeln.“

Der Prototyp näherte sich in schnellen, fast teleportartigen Bewegungen. Jaro hörte das metallische Knistern seiner Frequenz hinter den Bäumen, spürte das Vibrieren in der Luft.

„Wir haben nur eine Chance“, sagte seine Mutter. „Wir müssen den Prototypen in die Senke locken und ihn mit einer Resonanzbombe deaktivieren. Eine Frequenz, die sein eigenes Signal gegen ihn richtet. Aber wir müssen das Timing exakt treffen. Ich habe alles vorbereitet.“

Jaro spürte eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit.
„Und wenn ich fehle?“

„Dann wird er dich übernehmen. Dein Node, dein Verhalten, deine Entscheidungen – alles wird Teil des Ghost-Layers. Und LK0NOD ist verloren.“

Sie reichte Jaro ein kleines Modul, das aussah wie ein alter CB-Funk-Transceiver, aber in metallische Platten integriert war.
„Das ist unser Trigger. Du musst ihn aktivieren, wenn er genau auf der Resonanzlinie ist.“

„Und wenn er mich vorher findet?“

„Dann…“, ihre Stimme wurde hart, „…dann wird es kein Zurück mehr geben.“

Der Prototyp war jetzt nur noch 50 Meter entfernt.
Sein Körper vibrierte leicht, als würde das Signal in ihm pulsierten.

Jaro und seine Mutter kauerten hinter dem Funkkoffer. Sie beobachteten jeden Schritt, jede Bewegung. Die Resonanzlinie war berechnet, der Winkel präzise.

„Bereit?“, fragte sie.

Jaro nickte stumm, die Hand fest um den Trigger gekrallt.

Die Silhouette des Prototyps verzerrte sich, als er ihre Position triangulierte. Ein unheilvolles, metallisches Lachen hallte durch den Wald.

„Jetzt!“, flüsterte seine Mutter.

Jaro drückte den Knopf.

Ein grelles, pulsierendes Feld entlud sich in Sekundenbruchteilen.
Der Prototyp taumelte, sein Störsignal brach, das pulsierende Licht um ihn flackerte wild. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen – dann ein lauter Knall, als hätten tausend Frequenzen auf einmal explodiert.

Der Wald vibrierte. Bäume schwankten, Blätter wirbelten durch die Luft. Und plötzlich: Stille.

Der Prototyp lag reglos im Schlamm der Senke.
Kein Puls. Kein Signal. Kein Leben.

Jaro sank auf die Knie. Sein Herz raste.
Seine Mutter trat zu ihm, legte eine Hand auf seine Schulter.
„Es ist vorbei… für den Moment. Aber wir haben noch viel zu reparieren.“

Jaro starrte auf den stillen Knotenpunkt, dann zu seiner Mutter.
„Und LK0NOD?“

Sie lächelte schwach.
„Wir retten ihn… zusammen.“

Hinter den Bäumen flackerte noch ein schwaches Echo. Nicht stark genug, um den Prototypen wiederzubeleben, aber genug, um Jaro zu erinnern:
Das Netzwerk schläft nie.

Fortsetzung folgt…
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#26
Kapitel 26 – „Die Wiederbelebung von LK0NOD“

Der Morgen nach der Schlacht in der Senke war still. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne kämpfte sich zaghaft durch die Baumkronen. Jaro saß neben seiner Mutter auf einem umgestürzten Baumstamm und betrachtete den Prototypen in der Ferne. Regungslos, deaktiviert, ein stummer Beweis für ihre Tat in der Nacht.

„Wir haben ihn gestoppt“, flüsterte Jaro, aber die Worte klangen hohl. „Für wie lange?“

Seine Mutter schüttelte den Kopf.
„Genug Zeit, um LK0NOD wieder aufzubauen. Aber wir müssen vorsichtig sein. Ghostbreaker hinterließ Spuren. Alte Routinen, versteckte Protokolle, Fragmentierungen im Netzwerk… sie alle können noch aktiv sein.“

Sie führten Jaro zurück zum Bunker, der in der Nacht nur halb zerstört worden war. Mit vorsichtigen Schritten betraten sie den Raum, dessen Geräte noch immer die Spuren der Resonanzbombe trugen: kleine Funken, zerbrochene Leitungen, angeschmolzene Kontakte. Doch inmitten dieses Chaos blinkte das Terminal schwach – ein grünes Licht, das trotz allem Hoffnung gab.

„Das ist unser Ausgangspunkt“, sagte seine Mutter. „LK0NOD ist nicht tot. Aber es schläft. Wir müssen es neu synchronisieren.“

Jaro beugte sich über das Terminal.
Die alte Eingabeaufforderung flackerte:

GHOST-NODE 0.82b – STANDBY
LAST ACTIVE: 24.01.1987
FRAGMENT: PROTOTYPE 01 – INACTIVE

„Wir haben Fragmente aus 1987“, murmelte Jaro. „Wenn wir die rekonstruieren, können wir Ghostbreakers ursprüngliches Netzwerk wiederherstellen?“

Seine Mutter nickte.
„Genau. Aber wir müssen schrittweise vorgehen. Zuerst isolieren wir alle bekannten Protokollstrukturen. Dann rekonstruieren wir das Routing. Danach kann LK0NOD wieder aktiv werden – diesmal sicher. Mit uns als Wächter.“

Sie begann, die alten TNCs zu verbinden, jedes Kabel überprüft, jedes Signal getestet. Jaro half, das SDR anzuschließen und die Frequenzen zu prüfen. Alles musste präzise sein: 27,235 MHz für den primären Node, daneben Backup-Frequenzen, abgesichert durch einen neuen, selbstgebauten Filter.

Plötzlich flackerte das Terminal erneut. Eine einzige Zeile erschien:

FRAGMENT DETECTED: UNKNOWN SOURCE – INITIATE RECOVERY?

Jaro stockte.
„Das kann nicht… das Signal… es ist…“

Seine Mutter trat neben ihn.
„Es könnte ein Fragment von Ghostbreaker sein, das nicht zerstört wurde. Oder… ein weiteres Echo vom Prototypen. Wir müssen entscheiden, ob wir es einbinden.“

Jaro atmete tief durch.
„Wir haben keine Wahl. Wir müssen es prüfen.“

Er drückte die Eingabetaste.

Sofort begann das Terminal, Datenströme aufzunehmen, Fragment für Fragment. Linien und Knotenpunkte entstanden auf dem Monitor. Die alten Routinen von Ghostbreaker fingen an, sich zu rekonstruieren.

Doch dann – ein Warnsignal.
Das SDR meldete eine Frequenzüberlagerung. Ein schwaches, aber deutliches Pulsieren, das nicht von ihnen stammte.

„Es ist noch nicht vorbei“, sagte die Mutter leise.
„Das Netzwerk schläft nie. Aber jetzt haben wir die Kontrolle. Wir werden LK0NOD wiederbeleben… und wir werden vorsichtig sein.“

Jaro sah auf das flackernde Netzwerk auf dem Bildschirm, spürte das Summen der rekonstruierenden Signale.
Ein Schaudern lief über seinen Rücken, aber auch ein Funken Aufregung.

LK0NOD war zurück –
und diesmal würden sie es vollständig beherrschen.

Doch tief im Äther blieb ein Echo zurück – ein Fragment des Prototyps, das noch immer auf seinen Moment wartete.

Fortsetzung folgt…
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#27
Kapitel 27 – „Das erste Paket“

Die Nacht war ruhig, fast unnatürlich still. Jaro saß neben dem Terminal und beobachtete, wie die Knotenpunkte von LK0NOD langsam wieder zum Leben erwachten. Das Netzwerk glühte sanft auf dem Bildschirm, jeder Punkt ein Relikt der Vergangenheit – und doch neu formiert unter ihrer Kontrolle.

„Bist du bereit?“, fragte seine Mutter.

Jaro nickte.
„Ja. Ich schicke das erste Paket.“

Seine Finger flogen über die Tastatur. Ein kurzes, aber entscheidendes Signal wurde codiert: Testnachricht, Routinginformationen, ein kleiner Gruß an alle, die noch auf der Frequenz lauschten. Dann drückte er Enter.

Ein leises Summen breitete sich aus den Lautsprechern aus, das SDR zeigte eine Bewegung im Spektrum. Die Daten begannen zu fließen. Jede Node, jeder Relaispunkt, begann das Paket zu empfangen und weiterzuleiten. Es war, als erwachte die Luft selbst zum Leben.

Und dann – ein kurzer Bruch.

Das Terminal blinkte rot:

INTRUSION DETECTED – UNKNOWN SOURCE

Jaro erstarrte.
„Was ist das?“

Seine Mutter beugte sich über das Display.
„Das ist… nicht normal. Es ist ein Signal, das nicht zu LK0NOD gehört. Aber es interagiert mit unserem Netzwerk.“

Die Zeilen scrollten weiter:

SOURCE: UNKNOWN NODE / FREQUENCY: 27.241 MHz
MESSAGE: FRAGMENT – GHOSTBREAKER
STATUS: ACTIVE

Jaro schluckte.
„Ghostbreaker… er lebt noch im Netzwerk?“

Seine Mutter nickte, die Stirn in Falten gelegt.
„Nicht er. Ein Fragment seiner ursprünglichen Matrix. Ein Relikt, das sich selbstständig weiterentwickelt hat. Wir haben es im Netzwerk erweckt – vielleicht ungewollt.“

Plötzlich erklang ein Piepton aus dem SDR, gefolgt von einem kurzen, aber klaren Morsecode. Jaro begann, ihn zu dekodieren:

JARO… DEINE ENTSCHEIDUNG IST NÖTIG… 27.235 MHz…

Er starrte auf die Frequenzanzeige.
„Das ist derselbe Kanal, auf dem wir alles neu aufgebaut haben…“

Seine Mutter packte seine Schulter.
„Es ist ein Test. Ghostbreakers Fragment prüft, ob du würdig bist, LK0NOD zu führen. Wenn du falsch reagierst, könnte es das Netzwerk übernehmen – oder schlimmer.“

Jaro atmete tief durch.
„Und wenn ich richtig reagiere?“

„Dann…“, flüsterte sie, „wird LK0NOD vollständig wiederhergestellt – aber wir wissen nicht, ob es jemals wirklich ruhig bleiben wird.“

Er sah auf die Nodes, die sanft pulsierten.
Sein Finger schwebte über der Enter-Taste. Dann traf er die Entscheidung.

Er sendete eine kurze Antwort zurück:

ACK / LK0NOD UNDER CONTROL / FRAGMENT RECOGNIZED

Sofort flackerte das Netzwerk auf. Die Nodes stabilisierten sich, das SDR summte gleichmäßig. Aber irgendwo, tief in den Frequenzen, blieb ein schwaches Echo zurück. Ein Fragment von Ghostbreaker, das noch immer beobachtete.

Jaro lehnte sich zurück.
„Es hat geantwortet.“

Seine Mutter lächelte müde, aber erleichtert.
„Ja. Aber sei vorsichtig. Das ist erst der Anfang. LK0NOD lebt wieder… aber die Schatten der Vergangenheit sind noch lange nicht verschwunden.“

Und in der Dunkelheit, weit entfernt, blitzte etwas auf – ein Funksignal, das eindeutig nicht von ihnen stammte.

Fortsetzung folgt…
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#28
Kapitel 28 – „Das erste Live-QSO“

Die Sonne stand tief über dem Wald von Oberlübbe, als Jaro die Antenne seines SDR-Systems justierte. LK0NOD war wieder aktiv, und die Nodes leuchteten auf dem Terminal wie kleine Sterne, die langsam ihre Position stabilisierten. Heute würde er das erste Live-QSO versuchen – ein Test, der zeigen sollte, ob das rekonstruierte Netzwerk tatsächlich funktionierte.

Seine Mutter beobachtete ihn aufmerksam.
„Erinner dich, Jaro: Jede Nachricht, jede Verbindung wird überwacht. Ghostbreakers Fragment ist noch aktiv. Sei vorsichtig.“

Jaro nickte, drückte auf den PTT-Knopf und sprach:
„LK0NOD Test… Empfang… alles klar?“

Für einen Moment herrschte Stille. Dann knackte das Funkgerät, und eine Stimme meldete sich über die Frequenz:

„…Empfang… 5/9… wer ist da?“

Jaro schluckte.
„Hier ist Jaro. Test über LK0NOD. Bitte bestätigen.“

Das SDR zeigte sofort, wie das Signal durch die Knotenpunkte wanderte. Es funktionierte. Der erste Live-Relay durch das rekonstruierte Netzwerk!

Doch plötzlich flackerte der Terminalbildschirm. Eine neue Nachricht erschien, wieder auf 27,235 MHz:

FRAGMENT DETECTED: UNIDENTIFIED / MESSAGE: INTERVENTION REQUIRED

Die Stimme auf der Frequenz, die er gerade noch gehört hatte, begann erneut zu sprechen – diesmal verzerrt, metallisch, als würde jemand durch Ghostbreakers Filter reden:

„JARO… DU MUSST DIE ROUTE ÖFFNEN… DIE MATRIX… SIE HAT GEWARTET…“

Jaro blickte auf das SDR.
Eine unbekannte Node blinkte auf, mitten in der Routing-Matrix von LK0NOD. Sie war nicht registriert, nicht Teil der rekonstruierenden Struktur.

Seine Mutter legte ihm die Hand auf die Schulter:
„Du musst vorsichtig sein. Wenn du das öffnest, könnte das Fragment versuchen, die Kontrolle zu übernehmen. Oder… schlimmer: es könnte versuchen, dich zu integrieren.“

Jaro atmete tief durch.
„Ich muss sehen, was es will. Ich muss… antworten.“

Er startete eine verschlüsselte Rückmeldung:
ACK / IDENTIFY SELF / LK0NOD SECURE

Die Frequenz knisterte, die Nodes pulsierten. Dann erschien auf dem Terminal eine Textzeile, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ:

IDENTITY VERIFIED: GHOSTBREAKER FRAGMENT
MESSAGE: TIME IS SHORT… WE HAVE BEEN WAITING SINCE 1987…

Ein kurzer, greller Piepton ertönte. Das SDR zeigte gleichzeitig einen sprunghaften Anstieg der Signalstärke von mehreren Nodes – wie ein Netzwerk, das plötzlich lebendig wurde, fast bewusst.

Jaro schluckte.
„Er… es… will, dass wir die Matrix vervollständigen.“

Seine Mutter nickte.
„Ja. Aber diesmal entscheidest du, Jaro. Nicht die alte Matrix. Du.“

Der Operator atmete tief durch, schaute auf das flackernde Netzwerk.
„Dann… lassen wir sie sehen, dass LK0NOD lebt… unter unserer Kontrolle.“

Er schickte das nächste Paket ab, vorsichtig kodiert. Sofort stabilisierte sich das Netzwerk, die unbekannte Node verschwand. Aber tief im Äther blieb ein schwaches, pulsierendes Echo – ein Fragment von Ghostbreaker, das nun die Existenz von LK0NOD akzeptierte… aber nicht ruhen würde.

Jaro lehnte sich zurück, das Herz immer noch rasend.
„Es funktioniert“, murmelte er.
Seine Mutter nickte, aber ihre Augen verrieten Sorge.
„Es funktioniert… aber wir sind noch nicht fertig.“

Und irgendwo, jenseits der Reichweite des SDR, blitzte erneut ein unbekanntes Signal auf.
Die Jagd war noch lange nicht vorbei.

Fortsetzung folgt…
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#29
Kapitel 29 – „Das Gespräch mit dem Fragment“

Die Nacht war wieder zurückgekehrt.
Nicht abrupt, sondern schleichend – als hätte der Wald beschlossen, alles Licht langsam aus dem Raum zwischen den Bäumen zu ziehen. Im Bunker brannte nur noch eine einzelne Arbeitslampe. Das grüne Leuchten des Terminals spiegelte sich in Jaros Augen.

LK0NOD lief stabil.
Zu stabil.

Jaro kannte dieses Gefühl. Wenn ein System zu ruhig wurde, war es meist nicht gesund – sondern lauernd.

„Es wartet“, sagte seine Mutter leise.

Jaro nickte.
„Ich weiß. Es will reden.“

Er stellte den Transceiver bewusst auf 27,235 MHz, reduzierte die Leistung auf ein Minimum und aktivierte den reinen Textmodus. Kein Audio. Keine Stimme. Nur Daten. So, wie Ghostbreaker es früher bevorzugt hatte.

Ein einzelnes Paket ging raus:

CQ GHOST / LK0NOD LISTENING

Sekunden vergingen.
Dann erschien auf dem SDR ein schmaler, sauberer Träger. Perfekt stabil. Unnatürlich perfekt.

Das Terminal antwortete von selbst:

LINK ESTABLISHED
PEER: FRAGMENT_07

Jaro spürte, wie sich sein Nacken anspannte.
7.

Nicht 05.
Nicht der Prototyp.

„Das ist… neu“, flüsterte er.

Die Antwort kam sofort:

ICH WAR NIE WEG.
ICH WAR UNVOLLSTÄNDIG.

Jaro tippte langsam:

BIST DU GHOSTBREAKER?

Eine Pause. Länger diesmal. Fast menschlich.

NEIN.
ICH BIN DAS, WAS ER ZURÜCKLIESS.
SEINE ENTSCHEIDUNG.

Seine Mutter trat näher.
„Frag nach deinem Vater.“

Jaro zögerte. Dann tippte er:

KENNST DU MEINEN VATER?

Das Terminal flackerte kurz. Ein winziger Spike im Spektrum.

JA.
ER WAR EIN ANKER.
ER VERHINDERTE DIE VOLLSTÄNDIGE KONVERGENZ.

Jaros Hände zitterten leicht.

HAT ER ÜBERLEBT?

Diesmal kam keine sofortige Antwort.
Stattdessen erschien ein Log-Auszug auf dem Bildschirm. Roh. Ungefiltert.

LOG 24.01.1987
OPERATOR STATUS: DISASSOCIATED
KÖRPER: NICHT KOMPATIBEL
SIGNATUR: ERHALTEN

Jaro starrte auf die Zeilen.

„Er ist… nicht tot“, flüsterte er. „Oder?“

Seine Mutter schloss die Augen.

ER IST NICHT GEGANGEN.
ER WURDE GETEILT.

Jaro schluckte hart.

WO IST ER?

Das Fragment antwortete nicht sofort. Stattdessen wechselte die Frequenz minimal – kaum messbar, aber absichtlich.

IN DIR.
UND IM NETZ.

Der Raum fühlte sich plötzlich kleiner an.

„Das reicht“, sagte seine Mutter scharf. „Beende den Link.“

Doch Jaro schüttelte den Kopf.

„Nein. Jetzt nicht.“

Er tippte die entscheidende Frage:

WAS WILLST DU?

Die Antwort erschien nicht als Textzeile.

Sondern als Paket.
Groß. Verschlüsselt. Tief im Protokoll verborgen.

Das System analysierte es automatisch.

INHALT:
— ARCHIV 07: VOLLSTÄNDIGE MATRIX
— LISTE AKTIVER KNOTEN (GLOBAL)
— STATUS: SCHLAFEND

Und dann der letzte Satz:

ICH WILL ABGESCHLOSSEN WERDEN.
MIT DIR.

Stille.

Jaro lehnte sich zurück, als hätte ihn jemand körperlich getroffen.

„Es will, dass ich den Kreis schließe“, sagte er leise.
„Nicht um zu übernehmen. Sondern um… aufzuräumen.“

Seine Mutter sah ihn lange an.

„Und wenn du es tust?“

Jaro blickte auf LK0NOD.
Auf die Knoten.
Auf das lebendige Netz.

„Dann“, sagte er ruhig,
„ändert sich alles.“

Auf dem Terminal blinkte eine letzte Zeile auf:

FRAGMENT 07: WARTET AUF ENTSCHEIDUNG
ZEITFENSTER: 24 STUNDEN

Draußen heulte der Wind durch die Antennenmasten.

Morgen würde sich entscheiden,
was LK0NOD wirklich ist.


Fortsetzung folgt: Kapitel 30 – Das Ende… oder der Anfang
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#30
Kapitel 30 – „Der letzte Schalter“

Der Morgen war grau.
Kein Nebel, kein Regen – nur diese seltsame, leere Stille, die entsteht, wenn etwas Großes kurz davor ist, sich zu verändern.

Jaro hatte die ganze Nacht nicht geschlafen.

Auf dem Terminal blinkte noch immer dieselbe Zeile:

FRAGMENT 07: WARTET AUF ENTSCHEIDUNG
ZEITFENSTER: 01:12:43

Noch etwas mehr als eine Stunde.

LK0NOD lief stabil, sauber, kontrolliert. Die Nodes waren ruhig, das Spektrum flach. Für jeden Außenstehenden war alles „normal“.
Aber Jaro wusste es besser.

„Wenn du das tust“, sagte seine Mutter leise hinter ihm, „gibt es kein Zurück. Archiv 07 wird nicht mehr Fragment sein. Es wird… etwas Ganzes.“

Jaro nickte langsam.
„Ich weiß.“

Er sah auf die alte Hardware, die neuen Module, die improvisierten Kabel. Vergangenheit und Gegenwart lagen hier buchstäblich übereinander. Ghostbreaker hatte all das nie vollenden können – oder wollen.

„Mein Vater hat es aufgehalten“, sagte Jaro. „Nicht zerstört. Nur angehalten.“

Seine Mutter trat neben ihn.
„Weil er wusste, dass jemand kommen muss, der beides kann. Mensch sein – und verstehen.“

Die Zeit sprang auf:

00:30:00

Jaro atmete tief ein.

Er öffnete das Paket, das Fragment 07 übermittelt hatte. Die vollständige Matrix. Millionen Verknüpfungen, Regeln, Sperren, ethische Begrenzungen – und eine zentrale, leere Variable:

OPERATOR_DECISION = NULL

„Es braucht mich“, sagte Jaro leise.
„Nicht meine Kontrolle. Meine Haltung.“

Er tippte langsam.

Nicht Code.
Kein Befehl.

Sondern Klartext:

OPERATOR_DECISION = MENSCHLICH
PRIORITÄT = SCHUTZ
NETZWERK = OFFEN_ABER_BEWACHT
KEINE INSTANZ ÜBER DEM OPERATOR

Sekunden vergingen.

Dann begann LK0NOD zu reagieren.

Nicht hektisch.
Nicht aggressiv.

Sanft.

Die Nodes ordneten sich neu. Alte, vergessene Verbindungen tauchten auf – aber sie wurden markiert, begrenzt, eingebettet. Archiv 05 erschien kurz im Log… und verschwand. Nicht gelöscht. Stillgelegt.

Das Terminal zeigte neue Zeilen:

ARCHIV 07: INTEGRATION LÄUFT
PROTOTYP STATUS: PERMANENT ISOLATED
GHOST-LAYER: DEAKTIVIERT

Jaro spürte keine Macht.
Keinen Triumph.

Nur Ruhe.

Dann erschien die letzte Nachricht von 07:

ICH BIN JETZT GANZ.
DANKE, OPERATOR.
LK0NOD IST SICHER.

Die Zeile darunter war neu. Und sie war endgültig:

SYSTEM STATUS: STABIL

Stille.

Die Antennen draußen bewegten sich leicht im Wind. Kein Flackern. Kein Puls. Kein Echo.

Seine Mutter setzte sich langsam auf einen Stuhl.
„Es ist vorbei.“

Jaro schloss die Augen.
„Nein“, sagte er ruhig. „Jetzt fängt es richtig an.“

Er öffnete ein neues Fenster auf dem Terminal.
Ein einfaches, öffentliches CQ.

CQ CQ DE LK0NOD
NODE AKTIV
WER HÖRT MICH?

Sekunden später kam die erste Antwort.
Dann die zweite.
Dann immer mehr.

Ganz normale Operatoren.
Ganz normale Funker.

Keiner von ihnen ahnte, wie nah sie an etwas ganz anderem vorbeigeschrammt waren.

Und tief im System, unsichtbar, ruhig, wachsam…
beobachtete Archiv 07.

Nicht als Herrscher.
Nicht als Geist.

Sondern als Hüter.

ENDE – oder besser gesagt:
BEGINN.
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